Antisemitismuskritische Bildungsarbeit für Freiwillige und Ehrenamtliche

Projekthintergrund
Der Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019 und die Verbreitung von Verschwörungstheorien in der Pandemie machen deutlich, wie aktuell Antisemitismus in Deutschland ist. Die steigende Anzahl von tätlichen Übergriffen auf jüdische Bürger*innen, die u.a. durch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus RIAS Bayern dokumentiert wurden, zeigen, dass Judenfeindlichkeit in den letzten Jahren zugenommen hat. Antisemitismus ist kein neues Phänomen oder ein Problem, dass sich erst neuerdings wieder stellt. Antisemitische WeltbilderHassparolen im öffentlichen Raum oder Gewaltakte gegen Juden und jüdische Einrichtungen sind nach dem Nationalsozialismus in Deutschland nie weg gewesen. Die Grundlage des Antisemitismus bilden Ressentiments, die über Jahrhunderte überlebt haben und in verschiedenen Zusammenhängen stehen: Antisemitismus verbunden mit christlichem Judenhass, mit Nationalismus, mit Rassismus oder Antikapitalismus. Keine dieser Kombinationen ist vollständig verschwunden. Sie leben durch mehr oder weniger sichtbare Überlieferungen weiter und, wo sie mit neuen Affekten verbunden werden, werden sie zu neuem Leben erweckt.

Antisemitismus hat heute viele Formen und Gesichter: Es gibt ein breites Spektrum von antisemitischen Weltbildern, die von rechts nach links und von christlich zu islamisch reichen. Die Leugnung der Schoah oder Rufe danach, den Holocaust in der deutschen Geschichte zu relativieren, sind Kernelemente des Nach-Holocaust-Antisemitismus. Er zeigt sich, wenn zum Beispiel Neonazis rechte Parolen verbreiten, es zu Überfällen auf jüdische Einrichtungen oder Schändungen von jüdischen Friedhöfen kommt. Israelbezogener Antisemitismus wird unter anderem von linken politischen Gruppierungen in Europa oder von islamischen Fundamentalisten geäußert. Kritik an der Politik der israelischen Regierung kippt zu antisemitischen Denkmustern, wenn pauschal Juden für Regierungspolitik in Israel verantwortlich gemacht werden und verschwörungstheoretisch argumentiert wird. In einer popkulturellen Variante fallen u.a. Sprachbilder in Rap-Liedern, die Motive aus allen Phasen der Geschichte des Antisemitismus aufgreifen und die dazu beitragen, dass Begriffe wie „Jude“ zu Schimpfwörtern werden und ungeniert im Alltag und im öffentlichen Raum Verwendung finden. Antisemitismus in Deutschland hat viele Gesichter, die untereinander verknüpft sind und sich gegenseitig verstärken.

Projektbeschreibung
Das Eintreten gegen Antisemitismus ist nicht nur staatliche und polizeiliche Aufgabe, sondern braucht zivilgesellschaftliche Unterstützung. Ehrenamtliche sind in ihrem Arbeitsumfeld mit dem Thema Antisemitismus konfrontiert: Im Sportverein, in der Kirchengemeinde oder auch in der Flüchtlingshilfe kommt Ehrenamtlichen eine Multiplikatorenrolle zu, in der ihre Haltung für demokratische Werte und Solidarität gefragt ist und in der sie diese anderen Personen vermitteln können. Freiwillige und Ehrenamtliche sind dabei selber von gesellschaftlichen Entwicklungen und Diskursen betroffen, bedienen und tradieren Stereotype und brauchen Reflexionsräume, um sich über Menschenfeindlichkeit und ihre eigenen Denkmuster bewusst zu werden. Reflexions- und Urteilsfähigkeit sind die Grundlage für demokratisches politisches Handeln. Persönliche Begegnung und Vernetzung vor Ort zwischen zivilgesellschaftlichen Einrichtungen und jüdischen Gemeinden sind ein Schlüssel, um Ressentiments entgegen zu treten und ein solidarisches Miteinander zu stärken.

Das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement in Bayern (LBE) verbindet Bürgerschaftliches Engagement und politische Bildung. In Kooperation mit RIAS Bayern bietet das LBE seit Herbst 2020 Seminare an, die ein breites Spektrum an Ehrenamtlichen erreichen sollen: junge und ältere Menschen, Freiwillige aus Städten und dem ländlichen Raum, Ehrenamtliche aus verschiedenen religiösen Gruppen, Menschen mit und ohne Migrationserfahrung, Engagierte unterschiedlichen Geschlechts, Engagierte aus Vereinen, Verbänden und Initiativgruppen. Die Seminartage sollen das Bewusstsein der Teilnehmenden für jüdisches Leben heute und für Antisemitismus jedweder Couleur und Äußerungsform stärken.

Zeitrahmen:
Seminartage in allen bayerischen Bezirken bis Ende 2021. Solange Präsenztermine aufgrund der Pandemie nicht möglich sind, bieten LBE und RIAS auch Inline-Seminare an.

Partner:
Neben RIAS Bayern arbeitet das LBE mit den jüdische Gemeinden vor Ort zusammen, um die Seminartage gemeinsam zu gestalten und zu bewerben. Die Tagesseminare finden in den Gemeinderäumlichkeiten statt. Das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales fördert das Projekt und unterstützt die Vernetzung. Die Landeskoordinierungsstelle Rechtsextremismus beim Bayerischen Jugendring und der Bayerische Beauftragte gegen Antisemitismus sind als Beratungspartner und bewerben die Veranstaltungsreihe mit.  

Teilnehmende:
Jeweils ca. 20 Ehrenamtliche und Multiplikatoren*innen aus Einrichtungen des Ehrenamts (Freiwilligenagenturen, MGHs, Kirchengemeinden), Vereinen und Verbänden (Wohlfahrtspflege, Feuerwehr, THW, BJR, etc.), Integrationsbeiräte und Mitglieder der jüdischen Gemeinden;

Inhaltlicher Aufbau (ca. 9.30-16.30 Uhr):

  • Begrüßung, Tagesablauf und Kennenlernrunde (LBE)
  • Vorstellung der IKG – jüdisches Leben heute
  • Einstieg: Persönliche Verstrickung mit Antisemitismus (LBE)
  • Formen von Antisemitismus in Bayern (RIAS Bayern)
  • Handlungsmöglichkeiten – Strategien um gegen Antisemitismus einzutreten (Rollenspiele)
  • Transfer in die eigene Einrichtung und Vernetzungsmöglichkeiten mit der IKG
  • Tagesevaluation und Verabschiedung

Online-Seminar:

  • Teil 1: Formen und Motive von Antisemitismus und aktuelle Fälle – eine Reflexion
  • Teil 2: Vielfalt von jüdischem Leben in Bayern – eine Begegnung

Förderung:
Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales

Kontakt:
Stephan Schwieren
Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bayern e.V.
Sandstraße 1, 90443 Nürnberg
Tel: 0911 810 129-19, Mail: schwieren@lbe-bayern.de